Chronik

Wie alles begann

Am Ende des 1. Weltkrieges war ganz Deutschland in seinem Selbstverständnis erschüttert und alle Waffen, die die sogenannten Militärpfarrer gesegnet hatten, waren nutzlos gewesen. Der Krieg war zu seinem Ausgangspunkt zurück gekehrt und hatte sehr tiefe Wunden hinterlassen. Die Menschen in Deutschland waren entsetzt und verzweifelt, Hoffnung war wohl kaum noch zu spüren. Allerorts wurde Trost gesucht und dort, wo der Trost zu haben gewesen wäre, dort wurde er nicht gesucht. Nach all den Schrecken des Krieges war Gott oft nicht gefragt, denn er hatte „den ganzen Wahnsinn zu gelassen und hatte Deutschland verlieren lassen“. Auch die Kirche konnten „keinen“ Trost spenden, denn sie war durch ihre Verbindung mit dem Staat in ihren Grundfesten erschüttert.

Genau in jener Situation waren einige Menschen dennoch hellhörig geworden und dachten über die gegenwärtige Zeit und Gott nach. Und eben jene Menschen ließen sich ansprechen und begannen auf Gottes Wort zu hören und nach Gottes Wort zu verlangen. Damit waren die Weichen für den Beginn unserer Gemeinde gestellt. Durch die Existenz der Gemeinde der Bischöflichen Methodisten-Kirche in der Bahnhofstraße in Annaberg, kamen unsere Urgroßeltern und Großeltern mit dem Ernst, mit dem jene Christen ihren Glauben lebten, in Kontakt. Sie ließen sich einladen, einmal die Gottesdienste zu besuchen und ganz ohne Vorbehalte zu beobachten. Das Ergebnis war gut und sprach sich herum und so gingen einige Wiesaer nicht nur einmal hin. Es war eine Art Flüsterpropaganda, die eine erstaunliche Wirkung hatte.

Aus den Erzählungen von Oskar Wiegand, der damals in der Firma Wimmer in Annaberg arbeitete, ist bekannt, dass er durch Arbeitskollegen eingeladen wurde und dieser Einladung auch nachkam. Er hatte den Krieg in Russland erlebt und war auf der Suche nach einem neuen Lebensinhalt. Die Gottesdienste sprachen ihn sehr an. Er erzählte es Bekannten und da er nicht der einzige in solch einer Situation war, gingen bald mehr Menschen aus Wiesa zu den Gottesdiensten nach Annaberg. Es wurden bald so viele, dass man sich entschloss, eine eigene Gemeinde zu gründen. Das war vor nunmehr achtzig Jahren. Es breitete sich eine Begeisterung aus, die viele erfasste. Menschen fühlten sich von Gottes Wort neu angesprochen und sahen es als ihre Aufgabe an, sich ihm zu zuwenden. Es war wie eine Befreiung – ein Aufbruch, der nicht auf Rosen gebettet war, aber das war jenen Menschen auch egal. Sie hatten den festen Willen, Gott intensiver als bisher zu dienen.

Einige jener damaligen Gemeindegründer sollen noch genannt sein: Helene Stiegler, Albin und Selma Meier, Oskar und Hilma Wiegand, Waldemar und Elise Brühl, Paul Langklotz, Hugo und Rosa Süß, Frieda Richter und Ella Feig. Es waren weitaus mehr, die unsere Gemeinde gründeten, aber die genannten Namen sollen stellvertretend für alle jene Männer und Frauen stehen, die damals bei der Gründung der Gemeinde Wiesa dabei waren. Wir dürfen heute mit Dankbarkeit an sie denken. Doch sollten wir bei aller Dankbarkeit nicht vergessen, das der Dank zu allererst Gott gehört. Er war die treibende Kraft in all den Jahren und er hat seine Gemeinde trotz Schwierigkeiten, Engpässen und Meinungsverschiedenheiten zusammengehalten. Er hat immer willige und tatkräftige Brüder und Schwestern bewegt, sich der Gemeinde zur Verfügung zu stellen. Das waren die Anfänge und wenn die damaligen Geschwister heute noch lebten, könnten sie sicher viel Interessantes erzählen.

Schlussgedanken: 80 Jahre Gemeinde, 75 Jahre Kapelle. Eine lange Zeit, die nicht immer leicht und doch schön war und von Gott gesegnet und behütet wurde. Eine lange Zeit, die großes persönliches Engagement erfordert und auch genauso viel Glauben und Gottvertrauen. Zu keiner Zeit wurde den Geschwistern der Gemeinde etwas geschenkt und oft gab es auch Meinungsverschiedenheiten, die teilweise auch heftig werden konnten. Und immer wieder hat Gott seine Hand über seine Herde gehalten und hat es nicht zum Äußersten kommen lassen. 75 Jahre Evang.-method. Kapelle Wiesa. Die alte Evangeliumshalle, wie sie in den ersten Jahren genannt wurde, sie steht heute noch. Verschiedene Regimes gingen über sie und die Gemeinde hinweg und alle waren dem Glauben nicht zu getan. Besonders das, was 1945 begann und welches viele Hindernisse für unsere Gemeinde zur Folge hatte. Und dennoch haben Kapelle und Gemeinde keinen Schaden genommen und bestehen heute noch. Es war die Gnade Gottes, dass es so ist und wenn man es damals auch gehofft hatte, dass es so kommt, es konnte nur erbeten werden und Gott hat die Gebete erhört und seinen Segen gegeben. Möge es uns allen wieder an unserer Kapelle klar werden: Christ sein heißt nicht, fromme Worte reden und tatenlos bleiben, nein, es heißt viel mehr: Mut haben, vor Schwierigkeiten nicht fliehen, sondern sie n festem Glauben anpacken und sie bewältigen. Es heißt: Nicht reden, sondern handeln und sich der Hilfe und Gegenwart des Herrn immer sicher sein. Seien wir uns bewusst, dass noch viele Aufgaben auf uns warten und erinnern wir uns immer an die Worte Jesu:

„Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“

                                                           (Wiesa, im Februar 2001)